Sagen aus Kaiserslautern

Der Hecht im Kaiserwoog
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Die ehemalige kaiserliche Burg zu Lautern war auf der einen Seite von einem großen Fischteich umspült, später der Kaiserwoog geheißen, der von wohlgenährten Fischen wimmelte, ergötzlich fürs Auge, köstlich für den Geschmack.

Am 6. November 1497 war es nun, daß man im Kaiserwoog einen seltenen Fang machte. Da erbeutete man einen Hecht, der von 19 Schuh Länge und von 350 Pfund Gewicht war, wie dies eine Tafel meldete, die sich ehemals in der Burg zu Kaiserslautern befand. An seinem Halse trug er einen kupfernen und vergoldeten Ring aus kleinen Kettchen und mit eingesetzten Buchstaben. Der Hecht wurde nach Heidelberg gebracht und an der Tafel des Kurfürsten Philipp verspeist. Den Ring mit seiner Inschrift aber hat man lange in der kurfürstlichen Schatzkammer aufbewahrt, wobei zu lesen war: "Dieses ist die Form des Ringes oder des Kettchens, so der Hecht an seinem Halse 267 Jahre getragen hatte". Die griechische Inschrift des Ringes aber, welche der Bischof Johannes von Worms, ein geborener Freiherr von Dalberg und zugleich Kanzler des Pfalzgrafen, verdeutschte, lautete also: "Ich bin der Fisch, so am ersten unter allen in den See getan worden durch des Kaisers Friedrich des Anderen Händ’ den 5. Weinmonat im Jahre eintausendzweihundertunddreißig".

Der Hecht im Kaiserwoog
oder
Wie der Fisch in unser Wappen kam

Der Nebel hing tief über der Lauterer Senke. Rotbraun standen die Wälder in herbstlicher Farbenfülle und spiegelten sich in den vielzähligen Wögen und Weihern. Die Stadt Friedrich Barbarossas rüstete sich für den Winter. Man schrieb das Jahr 1497. Da geschah am sechsten Tag im Nebelmond ein Ereignis, wovon noch heute die Sage berichtet:

Am Ufer des Kaiserwooges, der die Burg seitlich bespülte, mühten sich die Fischerknechte, ausgeworfene Netze ans Land zu ziehen, um die zappelndglitschigen Massen der gefangenen Fische zu bergen. Netz um Netz hob sich wassertriefend und voller Leben. Da, plötzlich ein Schrei! "Zu Hilf!" und noch einmal "Zu Hilf!" Ein junger Fischer, das Garn in den verkrampften Händen, stemmt sich mit aller Kraft in den Boden. Umsonst! Ruckweise, Schritt für Schritt, als ob ein zentnerschwerer Amboss sein Netz beschwere, reisst es ihn zum Wasser hin. "Zu Hilf!", schreit er verzweifelt. Die anderen werfen Netze und Geräte hin und rennen los. Zwei, vier, sieben, neun sind es schon. Sie packen zu. "Ho-ruck!" Sie ziehen mit vereinten Kräften. "Ho-ruck!". Rot färben sich ihre Gesichter vor lauter Anstrengung, blau treten die Adern aus der Haut.

"Ho-ruck!" Wird das Garn halten, sein Opfer nicht dem Wasser zurückgegeben?  "Ho-ruck!" Jetzt! Langsam hebt sich das Netz, in dem es furchtbar wütet. "Allmächtiger, steh uns bei!" Ein Hechtkopf, so groß wie ein Gaulschädel, schiebt sich aus dem Wasser, dann ein mächtiger Körper, eine gewaltige Rückenflosse, länger und länger wird das Ungetüm. Da! Das Tier krümmt sich in höchster Luftnot! Eine Schneller, die Männer springen zur Seite - und am Ufer landet ein Hecht, wie man noch keinen gefangen hat. Ein beherzter Fischer   springt hinzu, reisst das Messer aus dem Gürtel und gibt dem Tier den Nackenstoß.

In diesem Augenblick durchbricht ein Sonnenstrahl den Nebel. Silbern erglänzt der Schuppenpanzer des toten Riesen. An seinem Hals gleißt und funkelt ein gülden Kettlein mit fremdartigen Schriftzeichen. Schweigend und voller Ehrfurcht messen und wiegen die Männer den seltenen Fang. 19 Fuß ist er lang, vier Zentner schwer. Auf Ruderstangen tragen sie den riesigen Fisch im Triumph durch die Stadt. Dann verladen sie ihn auf einen reisiggeschmückten Leiterwagen und fahren ihm zum Landesherren, dem Kurfürsten Philipp zu Heidelberg. Der ist gar bass erstaunt und ruft geschwind seinen Kanzler, den hochgelehrten Bischof Johannes von Worms, auf dass er ihm die griechische Inschrift des Kettleins verdeutsche. Laut liest er vor:

Ich bin der Fisch, so am ersten unter allen
in den See getan worden
durch des Kaisers Friedrichs Hand,
den 5. Weinmonat
im Jahre eintausendzweihundertdreißig.

Hocherfreut und wohlgemut gibt der Kurfürst ein Fest und verzehrt mit dreihundert vornehmen Damen und Herren den Riesenfisch, der trotz seiner 267 Jahre noch vortrefflich mundete.

Den braven Lautringern aber blieb der Mund sauber. Als Trost und zum Andenken an dieses Ereignis durften sie einen Fisch in ihr Wappen malen. Das taten sie denn auch und waren nicht wenig stolz.
Erzählt von Hans-Georg Baßler,

 

Jammerhalde und Hahnenfalz

Das Jahr 1793 war für die Bürger von Kaiserslautern eine Zeit des Jammers. Schrecklich gestaltete sich der Winter, der mit Recht als der "Plünderwinter" bezeichnet wird. Nichts war mehr sicher vor den beutegierigen Franzosen, keine Habe und kein Eigentum, ja selbst das Leben nicht. Da taten sich einige Familien zusammen und flüchteten mit allem, was sie mitnehmen konnten, in den Dansenberger Wald, wo sie in einer Höhle wohnten. Um nicht zu verhungern, hatten sie allerlei Nahrungsmittel, darunter einige Hähne, an sich genommen. Doch es dauerte nicht lange, so kamen die Plünderer und durchsuchten den Wald nach den Flüchtigen. Bald fanden sie ihre Spur; denn die Hähne fingen an zu krähen und ließen sich durch nichts ruhig bringen. Man wollte sie doch nicht alle gleich töten. Die Franzosen gingen dem Schalle nach, die Hähne krähten immer weiter und die Bürger lebten in der größten Angst. Endlich drangen die Feinde in die Höhle ein, betäubten die Flüchtlinge und nahmen ihnen noch obendrein das Leben.

Von der Zeit an heißt der Wald Jammerhalde, ein angrenzendes Gebiet trägt den Namen Hahnenfalz bis heute. Beide liegen an der Pirmasenser Straße kurz vor der Roten Hohl. Die Leute erzählen, in dem Wald höre man alle sieben Jahre ein großes Jammern.

 

Der Schatz zu Beilstein
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Nicht weit vom Eingang zum Heiligenbergtunnel zwischen Kaiserslautern und Hochspeyer liegt die Burgruine Beilstein. Ihre letzten Bewohner waren Raubritter und von einem erzählt man, daß er seinem Pferde die Eisen verkehrt aufschlagen ließ, um die Kaufleute zu täuschen. Er brachte viel unrecht Gut zusammen und begrub es in einem Keller. Seitdem aber die Burg im Trümmer liegt, wird der durch Mord und Totschlag erworbene Schatz von einer feurigen Kröte bewacht. Die ist groß wie ein Backofen und hat Augen so groß wie ein zinnerner Teller. Den Schatz hat sie sich bis jetzt noch nicht entreißen lassen. Einmal versuchten zwei aus Hochspeyer, dort zu graben. Als es auf der Stiftskirche zu Lautern zwölf schlug, kam die Kröte gehüpft. Entsetzt eilten sie fort und sahen nur noch, wie sich das Untier über das aufgeschaufelte Loch ausbreitete. Andern Tags aber lag ein großer Felsen darauf. Ein andermal gingen ein Bursche und ein Mädchen aus Kaiserslautern nach dem Schloß Beilstein. Sie waren nicht mehr weit von der Ruine, als der Bursche etwas zurückblieb. Da kam ein Frosch gehüpft mit einer Krone auf dem Kopfe und einem goldenen Schlüssel im Maule. Den gab er dem Mädchen und sagte ihm, es solle allein auf das Schloß gehen, dort aufschließen und sich von den Schätzen nach Herzenslust nehmen. Doch dürfe niemand etwas davon wissen. Die Jungfrau aber eilte zu dem Burschen und erzählte ihm alles. Als nun beide an das Schloß kamen, hatte das Mädchen den goldenen Schlüssel verloren.

 

Das Glühhäufchen

In früherer Zeit hatten die Morlauterer nicht wie jetzt die schöne Straße, um nach Lautern zu kommen. Sie mußten alle über den Wäscher Pfad durch das Wäldchen gehen. Eines Abends sah nun ein Bauer auf seinem Wege nach der Stadt ein Glühhäufchen im Walde. Er wollte seine Pfeife anzünden, nahm ein Stückchen Glut und legte es auf. Als sie jedoch nicht zum Brennen kam, schleuderte er es weg und holte sich ein anderes. Uns so mehrere Male hintereinander. Aber die Pfeife brannte nicht. Da fing der Mann erbärmlich an zu fluchen. Im selben Augenblick verschwand das Glühhäufchen. Als er anderen Tages den Weg zurückkam, sah er an der nämlichen Stelle mehrere Dukaten liegen. Nun ging ihm ein Licht auf: Das Glühhäufchen waren lauter Dukaten gewesen, die auf den Fluch hin verschwanden.
Ähnliches hört man vielenorts in der Pfalz erzählen. Wenn ein Wanderer in der Stunde zwischen zwölf und ein Uhr nachts quer über das Feld geht, so findet er manchmal dortselbst eine Glut liegen. Sie stammt nicht von einem Feuer her, sondern ist ein Schatz. Hat der Mann ein neues Kleidungsstück an, so soll er es darauf legen. Hat er gerade keines, so soll er zu Hause eines holen und damit die Glut bedecken. Kommt er dann am nächsten Morgen wieder , so hat sich die Glut in Gold verwandelt.

 

Die Schlangenkönigin
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An einem heißen Tage ging ein Hütter Mädchen an den Vogelwoog, um zu grasen. Ihr Mieder und ihr rotes Kopftuch legte sie am Ufer nieder, damit sie besser arbeiten könne. Eine Schlangenkönigin, die im nahen Walde bei ihren Nachstellungen sich ganz rot erhitzt hatte, eilte auf den Woog zu und wollte baden. Sie legte ihre Krone auf das rote Kopftuch des Mädchens und tauchte dann im Wasser unter. Die Jungfrau sah die Krone auf ihrem Tuche liegen, packte es zusammen und eilte rasch den Berg hinauf ihrem Dörfchen zu. Sie erreichte ihre Wohnung und schloß rasch die Türe hinter sich. Als nun die Schlangenkönigin den Raub ihrer Krone bemerkte, folgte sie den Spuren des Mädchens, kam zum Hause und sprang heftig gegen die Tür. Die fuhr krachend entzwei; aber auch die Schlange barst in mehrere Stücke. Die Jungfrau jedoch war gerettet und die Krone blieb ihr eigen.

 

 

Entstehung von Kaiserslautern

Kaiserslautern, das zum ersten Male im 9. Jahrhundert genannt wird und seine größere Wichtigkeit dem edlen und mächtigen Hohenstaufen Friedrich I. verdankt, soll einer der urältesten Plätze der Pfalz sein. Nach einer alten Chronik hat Julius Cäsar die Stadt erbaut, die aber nachmals von dem Hunnenkönig Attila wieder zerstört wurde.
Eine andere Sage weiß zu berichten, daß während der Christenverfolgung unter Diokletian und Maximilian zu Trier 20.000 Menschen den Märtyrertod starben, wodurch das Wasser der Mosel sechs Meilen Wegs von ihrem Blute gefärbt war. Viel Volk drang deshalb in die Wüste und Öde, um sich zu verbergen. Zu dieser Zeit floh eine fromme Frau mit Namen Lutrina aus dem edlen Geschlechte der Assyrer, welche Trier erbaut hatten, mit ihrem Hofgesinde in die Wälder. Als sie lange umhergeirrt waren, fanden sie zuletzt in einer von einem Einsiedler bewohnten Wildnis - die Stelle heißt jetzt noch Einsiedel - einen Ort, wo sie sich eine Wohnung errichteten, die sie Lutrea (Lautern) nannten.

 

Hildegard von Hoheneck

Die schöne Hildegard von Hoheneck hatte ihre Lust an der Jagd; darum streifte sie oft tagelang in dem Walde herum, der auf viele Stunden weit die Burg Hoheneck umgab. Eines Abends ruhte sich an einem Felsbrunnen; da kam ein altes Weiblein des Weges daher und schöpfte mit der hohlen Hand einen Trunk aus der Quelle. Hildegard fragte das Mütterchen, wer es sei und wohin es gedenke. "Die Leute nennen mich die Waldfrau", antwortete die Alte, "denn meine Heimat ist in diesem Forst."
Hildegard hatte schon mehr als einmal von der Waldfrau gehört und wußte, daß sie wahrsagen könne. Drum sprach sie zu ihr: "Man sagt, ihr könnt die rätselhaften Linien in der menschlichen Hand deuten. So tut mir doch einmal so!" Dabei hielt sie ihre Rechte dem Mütterchen hin. "O Jungfrau", versetze die Alte, "wer wird so vorwitzig sein und einen Blick in die Zukunft tun! Doch du willst es, so laß sehen!" Und nachdem sie eine kleine Weile die zarten Falten der Hand betrachtet hatte, sprach sie mit dumpfer Stimme: "Der Pfeile einer, die du in deinem Köcher trägst, er wird den Nibling von Flörsheim durchbohren."
Die Jungfrau erschrak nicht wenig; denn Nibling von Flörsheim war ihr Verlobter. Doch faßte sie sich bald und hielt die Worte der Waldfrau für eitles Geschwätz. Auf dem Wege zur Burg pürschte sie noch weiter und schoß nach dem Rabenvogel. Das Tier fiel getroffen nieder, jedoch so ins Gebüsch, daß sie es nicht finden konnte.
Wenige Tage nachher kam ein Holzhacker auf das Schloß gelaufen und berichtet, der Ritter von Flörsheim liege tot im Walde; er sei auf dem Wege nach Hoheneck rücklings von einem Pfeile getroffen worden. Hildegard eilte hinaus und erkannte augenblicklich, daß ihr Verlobter mit ihrem eigenen Pfeile getötet worden war. Ein Nebenbuhler des Ritters von Flörsheim hatte das Geschoß gefunden und, da der Jüngling eben durch den Wald daher ritt, auf ihn abgedrückt.
Die Jungfrau machte nun eine fromme Stiftung in das Kloster Enkenbach und ließ dort, wo ihr Geliebter gefallen war, eine Kapelle errichten.

Der blutschwitzende Stein

Mitten in Kaiserslautern wettete einer um Wein, er werde in der Geisterstunde eine brennende Laterne zum Schalloche des Glockenturms heraushängen. Damit ihm dabei nichts Schlimmes zustoße, nahm er einen schwarzen Kater in den Arm. Auf der Schneckenstiege trat ihm eine weiße Gestalt in den Weg mit den Worten: "Hättest du nicht die Ritze-Ratze, hättest du nicht die schwarze Katze, so wollte ich dir das Weinwetten vertreiben".Oben am Schalloche entsprang ihm die Katze und beim Abstieg kam er zu Fall und brach das Genick. Und an der Stelle der Turmmauer soll noch heute zum Wahrzeichen dessen ein Stein Blut schwitzen.

 

Quelle: Text: "Pfälzer Sagen" (1908) und "Pfälzisches Sagenbuch" (1912) von Friedrich Wilhelm Hebel